Bauaufseher und Gentleman

Es ist Donnerstag und der erste zweistellig temperierte Tag in diesem Jahr.

Die Sonne scheint und ich freue mich schon darauf gleich aus dem Auto ausszustiegen und die Baustelle zu begutachten. Heute ist es eine Kita. Wir sollen nur ein paar Türchen und eine Leiter abholen und etwas ausmessen.
Also alles entspannt.
Wir betreten das Gelände. Dachdecker, Maurer, Zimmerleute. Alle da. Das Gebäude, dessen sonderbare Architektur von dem Baugerüst noch unterstrichen wird, wirkt wie ein Abenteuerspielplatz. 30 Jungs toben hier und spielen mit ihren Eimerchen, Winkelschleiferchen, Bohrmaschinchen und Hämmerchen.
Einer der Jungs bemerkt wie wir das Grundstück betreten. In seinen zusammengekniffenen Augen und den nichtvorhandenen Lachfalten sieht man das er hier entscheidet wer mitspielen darf. Er macht nicht den Eindruck als würde es jeder an ihm vorbeischaffen. Er sieht den Altgesellen an und dann mich. Sein Blick lockert sich für den Bruchteil einer Sekunde um den Wechsel der Mimik zu einem leicht iriitierten Stirnruzeln und wieder zurück zu vollführen. Beeindruckende Gesichtsmuskulatur.
Wir sind im Gebäude.
Der „Einlass-Junge“ stellt sich uns als Bauaufseher vor, erklärt was, wo, wie und das er eigentlich selbst nicht so genau weiss.
Der Altgeselle möchte Wasserlassen. In dieses Geheimnis von gradezu staatstragender Wichtigkeit weihte er mich bereits vorher ein.
Ebendiese Ehre lässt er nun auch dem Aufseher zu Teil werden. Dieser führt uns durch das Labyrinth aus Betonsäcken, Baugerüsten und allem möglichen und unöglichen Krimskrams zu einem anderen Raum.
Im Moment des Erreichens des Ortes der die Erlösung für den Altgesellen bedeutet, regt sich plötzlich etwas in den Synapsen des Bauaufsehers was ihn dazu bewegt mit dieser Tätigkeit aufzuhören.
Er bleibt stehen, dreht sich abrput um , sieht vom Altgesellen zu mir und wieder zurück. Er hat eine Frage.
„Wer von euch muss denn?“
Wir Neuankömmlinge sehen uns kurz an, sind uns einig das nicht ich diejenige mit dem Geheimnis war und wollen ihm das gerade verkünden, da kommt eine Aussage die mich irritiert, einen Lachreiz hervorrufen möchte, abe in erster Linie meinen Kinnladen zu Fall bringt.
„Weil wenn sie nämlich muss dann putz ich vorher das Klo.“
„Äh…nein, nein….er muss….schon ok….aber danke…?“
„Weil, naja es sind ja hier doch 30 Männer und ein Klo“. Die Gesichtsmuskulatur des Aufsehers vollführt ein Kunststück das man vor allem aus Filmen kennt. Einen verschwörerischen Blick der sagen, nein schreien
will, das ich das schon richtig verstehe.

Der Altgeselle setzt Prioritäten und deshalb seinen Weg zum Klo fort. Wie kann er mich nur mit dieser Situation allein lassen.

Der Aufseher sieht mich immernoch so an und will wohl als Gegenleistung eine Reaktion dafür. Mir fällt nichts besseres ein als „Ähm…ja…nein, es ist schon alles in Ordnung so…nur keine Umstände, wirklich.“
„Aber das macht doch keine Umstände“. Das sind die Worte die dieser Mund formt während er sich gleichzeitig zu einem Lächeln verzieht das so vieles sagen könnte, aber in mir Ekel hervorruft.
Ich merke wie sich in meinem Inneren ein „Weiblichkeitszwangsverhalten“ einschaltet und meine Gestiken, meine Körerhaltung und meine Stimmlage unter Kontrolle bringt. Ich hasse es wenn das passsiert.
Bis eben war mein gesamter Körper noch geschlechtsneutral. Ich war ein Mensch in Arbeitskleidung. Kleidung die die weiblichen Rundungen verschleiert. Ein Mensch dessen Gangart von den Arbeitsschuhen bestimmt wird.
Einfach ein Mensch der arbeitet.

Jetzt bin ich eine Frau.

Ich schaue verschämt zu Boden und versuche mich aus dieser unangenehmen Situation zu lächeln. Mein Körper tut Dinge die ein Gegenüber, gerade ein solches Gegenüber, im Normalfall als schüchternen Flirt fehlinterpretiert. Ich will mich selbst anbrüllen damit aufzuhören, aber eine andere Stimme in mir schreit lauter. Halt die Klappe, es ist eh gleich vorbei!
Der Altgeselle muss ganz schön viel getrunken haben, denn er ist immer noch nicht zurück.
Während ich meinen Fuß anlächle der gerade dabei ist auf dem Boden zu scharren, registriere ich eine Bewegung in der Nähe. Ein strahlender Altgeselle maschiert freudestralhend und nun wieder breitbeinig auf mich zu. „So, kann losgehn.“ Gott sei Dank.

Wir sind um die Ecke. Der Altgeselle erläutert seinen Plan bezüglich der anstehenden Arbeiten und mein Gang normalisiert sich wieder. Ich bin oberflächlich belustigt über den putzwütigen Aufseher, aber eigentlich stock sauer.
Welches Recht nimmt er sich heraus mich in diese Rolle zu drängen? Warum konnter er mich nicht einfach links liegen lassen? Warum habe ich diese Situation geschehen lassen? Warum habe ich diese oftmals so kontraproduktive Form der Weiblichkeit nicht unter Kontrolle?
Ich will hier doch nur meine Arbeit machen und er hat es doch auch nur nett gemeint.
Aber das ging heute nicht. Wegen der Brüste. Und weil es Jungs gibt bei denen der Spieltrieb lauter ist als der Rest.

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