Bleistiftskizze eines Baumes der keine Blätter hat, sondern verschieden große Bälle

Bergbau auf Glas

Ich sitze auf dem Sofa und starre in meinen Laptop. Eigentlich starre ich nur deswegen in den Laptop, um den Blick bloß nicht über den Ort gleiten zu lassen, an dem ich meinen Schreibtisch zuletzt gesehen habe. Er besteht aus einer Glasplatte auf zwei hölzernen Böcken. Wenn man aber noch einen Küchentisch hat und ein Sofa mit breiten, exakt waagerechten Armlehnen, dann kann es passieren, dass der Schreibtisch sich aufmacht die nächste Stufe der Evolution zu erklimmen. Das dramatische war, dass mein Schreibtisch nicht viel Entwicklungspotential hatte. Daher verlief seine Entwicklung eher rekursiv, hin zur schlichten aber geräumigen Ablagefläche.

Der Haufen auf ihm ist mittlerweile so hoch, dass ich die obersten Schichten bequem im aufrechten Stand durchwühlen kann. Vor kurzem gelang mir das Kunststück, erfolgreich einen ganzen Hefter aus einem Bereich des Haufens zu extrahieren, der bei nur 10 cm über N.N. Schreibtisch lag, ohne dabei die Statik der Konstruktion zu gefährden.

Nicht nur aus statischen Gründen muss der weiteren Evolution Einhalt geboten werden. In der Uni steht die nächste Prüfung an und ich muss prüfungsrelevantes Erz schürfen.

Motivation durchfährt mich, verändert meinen Körper. Die Couch-Kartoffel-Zombie-Haltung wandelt sich in etwas Neues. Der Rücken wird lang und gerade, die Schultern kreisen und bleiben weit hinten wie im Anschlag stecken. Die Lungen füllen sich über das lebensnotwendige Minimum hinaus mit abgestandener Luft. Ich spüre wie mich eine Aura von würdevoller Angriffslust umgibt. Und mir fällt ein, dass ich vor zwei Stunden die Wohnung lüften wollte.

Wenn ich dann schon in der Küche bin spricht ja auch nichts gegen einen Kaffee. Für den Schwung beim Aufräumen. Apropos Schwung, vielleicht auch ein wenig Musik? Die Auswahl an Playlisten ist groß. Welche eignet sich wohl am besten? Während ich die Listen durchscrolle fällt mir der Kaffee wieder ein. Ich puste vorsichtig und trinke einen winzigen Schluck. Der Fakt, dass mir jetzt kälter ist als vorher, lässt mich die Uhrzeit kontrollieren. Es ist 22 Minuten später.

Ich stehe vor dem Schreibtisch und trage die oberste Schicht ab. Es sind korrigierte Übungsblätter. Das Problem ist der Ordner, in den sie gehören, befindet sich ca. 20 cm tiefer.

Ein düsterer Nebel zieht auf und hüllt mein Bewusstsein ein. Eine Stimmung, die etwa so aufbauend ist wie Orwells Klassiker „1984“, breitet sich in mir aus. Mit einer imaginären Ohrfeige hole ich mich in die Realität zurück, ziehe mich an meinen eigenen Haaren aus dem Treibsand der Verzweiflung.

Schicht für Schicht schmilzt das Ungetüm. Obwohl ich nie Tagebuch geführt habe, kann ich mir jetzt vorstellen wie es sein muss, wenn man es liest. Das gesamte letzte Semester taucht vor meinem geistigen Auge auf und zieht vorüber. Aber es sind nicht nur die Uni-Sachen, die wiederkehren. Zwischen den vielen hingeschmierten Rechnungen, Übungsblättern, Skripten und Büchern finden sich Fragmente aus allen Lebensbereichen.

Das Bewerbungsschreiben für die Wohnung, die wir nach vielversprechendem Erstkontakt dann doch nicht einmal besichtigen konnten. Meine Güte haben wir geschleimt, und dann auch noch umsonst. Kontoauszüge. Ein Plastikbeutel mit Aspirin-Tütchen drin. Die Originalskizze vom Bällchen-Baum, die meinen Desktophintergrund verschönert. Mehr Kontoauszüge. Eine Kinokarte vom Zoo Palast: Brad Pitt in „Herz aus Stahl“.

Und dann gibt es da noch diese Dinge, die beweisen, dass es den Tunneleffekt auch auf makroskopischer Ebene geben muss. Wie sonst kommt eine Papiertüte mit Slipeinlagen auf meinen Schreibtisch? Oder die kaputten Kopfhörer, die ich doch garantiert schon in den Müll geworfen hatte?

Ein Notizzettel, auf dem alte Körpermaße stehen. Soviel zum Thema Abnehmen im neuen Jahr. Schon wieder Kontoauszüge? Eine Glückwunschkarte zum Geburtstag. Mein kaputter Lieblings-Druckbleistift. Streng genommen funktioniert er ja noch irgendwie, also erst mal in die zum Stiftespender umfunktionierte Espressodose.

Während ich weiter wühle, durchfährt mich plötzlich ein stechender Schmerz. Ich ziehe meine Hand aus dem Stapel und sie blutet. Mindestens ganz viel Blut strömt in Sturzbächen durch die neu geschaffenen Canyons des Haufens. Ich habe keine Pinnwand und trotzdem gerade in ein Nest aus Reißzwecken gegriffen. Mein innerer Hulk blafft von der Seite:

„Und das hast man jetzt davon wenn man aufräumt!“

Die ganze Aktion dauerte 1 h 20 min. Es tauchten vier verloren geglaubte Gegenstände auf. Es wurden drei Gegenstände wiedergefunden, von denen ich ganz genau wusste, dass sie da drin sein mussten.

Jetzt habe ich einen Haufen auf meinem Papierkorb.

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